



An einem trüben Herbsttag im Oktober 1993 begenete ich dieser
faszinierenden Frau zum ersten Mal. Der Zufall (war es wirklich Zu- fall...?
frage ich mich heute) wollte es, dass wir uns in der Bahn gegenübersaßen.
Ich war bereits acht Jahre zuvor von Jugoslawien nach Deutschland umgesiedelt,
seit drei Jahren verheiratet und der stolze Vater meiner damals einjährigen
Tochter.
Die hübsche ausländisch aussehende Frau schätzte ich auf etwa
37 Jahre und mir schien, dass sie mich immer wieder verstohlen musterte wenn
ich zum Fenster hinausschaute. Doch dann lächel-te sie irgendwann, fasste
sich ein Herz und sprach mich an:
"Sie haben Ihren jüngeren Bruder im Krieg verloren, nicht wahr?"
Ich war fassungslos. Er war nur wenige Monate zuvor in Bosnien gefallen! Die
Kleine Frau beugte sich zu mir und Ihre Hand berührte leicht meine. "Darf
ich Sie berühren?" fragte sie. "Sie müssen sich nicht
fürchten..."
Ich nickte schweigend, aber ein eiskalter Schauer rann mir über den Rücken.
Doch dann, als sich ihre beiden Hände sanft über meine legten, verging
dieses Gefühl der Angst rasch und so etwas wie eine Woge des Vertrauens
durchströmte mich.
"Er ist hier..." sagte Tedora leise. "Und er lässt Ihnen
ausrichten, dass Sie sich keine Vorwürfe machen müssen. Er wurde
gut dort aufgenommen, wo er nun lebt..." Tedora sprach recht gut Deutsch,
aber mit unüberhörbarem Akzent. "Sie müssen aber auf ihre
kleine Tochter achten. Sie hat einen Herzfehler. Sie muss operiert wer-den
oder sie wird sterben. Suchen Sie mit ihr einen Arzt auf. Es ist wichtig,
denn ihr Bruder liebt dieses kleine Menschenwesen sehr. Er bittet Sie eindringlich,
dies zu tun..."
Es ist kaum möglich zu beschreiben, was mir in diesem Augen-blick alles
durch den Kopf fuhr! Erstaunen, Ungläubigkeit, ein mul-miges Gefühl,
Ohnmacht vor den Unwissen und Angst um mein Töchterchen! Alles strömte
auf einmal auf mich ein. Doch Tedora verstand es meisterhaft, mir meine Zweifel
und Ängste zu nehmen und wir sprachen, bis sie schließlich den
Zug verließ, über ihre Eingebungen und Erscheinungen. Und alles,
was sie über meinen Bruder berichtete, schien Hand und Fuß zu haben!
Es war einfach erstaunlich und phänomenal! Am Ende tauschten wir unsere
Adressen aus und sie bat mich noch einmal eindringlich, der Bitte meines verstorbenen
Bruders nachzukommen und meine Tochter untersuchen zu lassen...
Vier Tage später war es definitiv: Meine Tochter hatte einen bis dahin
nicht erkannten Herzfehler, der nur operativ behoben werden konnte. Der Herzspezialist
schüttelte immer wieder den Kopf und fragte mich, wie ich das hätte
wissen können. Und erst lange nach der Operation erfuhren meine Frau
und ich, dass Nadine ohne Ope-ration sicherlich ganz plötzlich irgendwann
gestorben wäre...